Simones Reiseschnipsel

Ach, wie gut, dass niemand weiss, dass ich Angsthase heiss

vom
14.6.23


Thinking and talking about doubts and fears


Ängste packen sich auf Reisen selbst ein, ab zu auch von selbst aus. Meist unbegründet, meist unerwünscht. Gerne wechseln sie ihr Kleid und möchten beachtet werden. Ihr Wesen ist facettenreich. Nicht immer eindeutig und greifbar. Manchmal sind sie verschwommen wie Vermutungen, lau wie Sorgen, flimmernd wie Ungewissheiten, fahl wie fehlende Kenntnisse, flitzend, wenn zu viel Phantasie im Spiel oder grell, wenn es "druf und dra chunt".

So habe ich beschlossen, den Ängsten auf meiner Reise ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu geben. Sie zu beobachten, wie ihr Benehmen ist. Mindestens so weit, dass sie mein inneres Gepäck nicht belasten. Oder mit dem Gedanken, dass dieses entlastet wird.

Dann gibt es auch Ängste, die nicht meine sind. Die Befindlichkeiten und Welten spiegeln, die Teil meiner Herkunft oder des Landes sind, in dem ich gerade reise. Auch diese Ängste verlangen oder wünschen Beobachtung oder Beachtung. Denn sie radeln mit, auf dem Weg, der sich mit jedem Tag verändert. Und das unmittelbar Erlebte und Gelebte, das fügt sich in das Erinnern und zu Geschichten.

Wie Geschichten und Erinnerungen können auch Ängste sich verändern, gar verschwinden oder neu aufploppen, wenn Impulse sie wecken. Das Sammeln loser "Schnipsel" von Begegnungen und Gesprächen, lassen mich ein wenig Ahnung schimmern, was Ängste auf Reisen meinen. Was sie mit mir machen, was sie meiden, wie sie mampfen, stampfen, krampfen und sich wegen mir auch ins Fäustchen lachen. Und teile ich Ängste, werden sie weniger und ich gewinne Freiraum und ab und zu das Gefühl von Freiheit.


S., der schon viele 1'000 Meilen durch Amerika, Japan und Europa geradelt ist:

Du wirst im Laufe deiner Reise oft drei Fragen hören: Woher kommst du? Wohin fährst du? Wie viele Kilometer pro Tag radelst du? Und du wirst drei unterschiedliche Reaktionen erhalten: Das wäre mir viel zu anstrengend! Du machst das, was ich auch gerne tun würde! Das könnte ich nie!
Selbst wirst du mit zwei starken Emotionen zu leben haben: Was mache ich hier in aller Welt? Was gibt es Schöneres auf dieser Welt!
Dabei wirst du dir so nahekommen, wie es im Alltag nicht möglich ist. Aber keine Angst, es lohnt sich. Und hast du mal Angst, akzeptiere sie. Fahrradfahren hat keine gesellschaftlichen Grenzen. Jeder ist schon Fahrrad gefahren. Da gibt es kein teures Blech, klimatisierte Ledersitze und getönte Scheiben zwischen dir und den Leuten. Du bringst das Fahrrad in Bewegung, du bist, mit deinem Fahrrad und nicht mehr. Das wird respektiert und von einigen auch bewundert.


Der Grossvater von B., der Amerika in allen Himmelsrichtungen mit dem Rad erfahren hat:

Wir Amerikaner sind ein ängstliches Volk. Lass dich nicht beeinflussen. Auch wenn es ganz viele andere Möglichkeiten und Meinungen gibt. Bleib auf deiner Route, der TransAm und seine Karten haben sich gut bewährt. Und ihr europäischen Frauen radelt einfach alleine los und macht eure Tour. Das ist toll! And friendly people meet friendly people.


A., die mit dem Seidentuch über dem River fliegt und tanzt:

Ja, ich kenne auch Angst. Dann atme ich tief ein und tief aus und richte mich innerlich und äusserlich auf. Gehe in Gedanken alle Handgriffe durch, die ich trainiert, trainiert und wieder trainiert habe.


G., der "Fliegende Holländer" auf der langen Strecke mit "No Service":

Wenn ich einen Platz zum Campen zugewiesen bekomme, bei dem ich mich nicht wohl oder sicher fühle, gehe ich weiter. Oder handle einen anderen aus. Ich will nicht bei den Bären schlafen. Und ja, auch ich mag die dichten, dunklen, endlosen Tannenwälder nicht, die sind mir unheimlich. Noch nie war ich so oft in Kirchen, wie hier in den Staaten. Schon toll, dass die uns Fahrradreisenden Unterschlupf geben! Doch da gibt es eine Strecke auf dem TransAm, da hat es nur diese eine Kirche als Übernachtungsmöglichkeit. Keine einzige Alternative. Seit die Uranminen ausgeschöpft sind, ist die Stadt eine Trabantenstadt. Total schräg. Die Angst hat mich nicht am Abend, sondern am Morgen gepackt. Mit mir ging die Phantasie durch. Ich stellte mir mutierte, von Uran verseuchte Wesen vor, die plötzlich aus den Häusern kriechen. So schnell hatte ich noch nie das Feld geräumt! Eine solche Fahrradtour ist wirklich emotional, eine Berg- und Talfahrt!



 Kurzes Gespräch mit einem Cowboy vor einem Cafe:

Reist du alleine? - Ja. - Hast du die Pistole dabei? - Ja, schau: Je eine in meinen Händen (crossing my fingers;-) - Lol.


K., die Bikerin im Office:

Wenn ich in meinen Bergen biken gehen kann, dann habe ich einen sooo grossen Smile in meinem Gesicht. Und wenn ich nicht bike, dann denke ich ans Biken und scanne meinen Kalender im Kopf, wann ich wieder losradlen kann. Gut, da oben gibt es Bären, Elche und Wölfe. Doch ich möchte nicht von einem Truck überfahren werden.


S., die Reiterin im Fischerurlaub:

Ich sorge mich sehr um unsere nächste Generation! Und es pisst mich an, was in unserem Land und in der Welt läuft oder eben nicht!


C., die Fernradfahrerin aus Baltimore:

Welche Ängste meinst du? Angst vor Menschen? Angst vor Tieren? Angst vor der Strasse? Ich habe Angst vor Hunden. Sie sind so unberechenbar. Ab und zu ignoriere ich meine Angst, sonst greift sie mich an. Ich glaube, dass Fahrradreisende weckt das Beste in den Menschen. Nie erhalte ich so viel Unterstützung, wie wenn ich mit dem Fahrrad durch die Welt reise. Es verbindet, da die Verletzlichkeit sichtbar ist. Du bist allen und allem nahe und zugleich vielem ausgesetzt. Und was das Gesellschaftliche hier betrifft, der Unterschied zwischen dem Fahrradreisenden und dem Hiker ist, es ist ersichtlich, dass du keine obdachlose Person bist. Es ist leicht, dir Hilfe anzubieten. Die Menschen identifizieren sich mit dir. Sie möchten ein wenig an deiner Reise teilhaben und werden nicht negativ berührt.

Am meisten Unterstützung und ungefragte Hilfe habe ich in Mittelamerika von Frauen erfahren. Das waren oft wunderbare und berührende Begegnungen. Viele haben Verwandte oder Kinder, die in den USA arbeiten. Daher sind sie unglaublich interessiert, wie das Leben bei uns wirklich läuft. Und was mich immer wieder erstaunt, dass wenn ich Richtung Grenze zu einem nächsten Land reise, dass ich in allen Ländern die gleichen Bemerkungen höre: Was, du reist nach xy? Warum? Hier ist es doch schön und sicher! Aber da!?