Simones Reiseschnipsel

The Needles Highway, wo man zur Bikerin werden kann

vom
7.7.23

Bremsklotz im Kopf

Bis jetzt waren meine Pässe mit langen, geraden Steigungen und sparsamen, ausladenden Kurven versehen. Sie waren zahlreich und gefühlt wie Prüfungen, die erfüllt werden mussten, damit es dahinter weitergehen konnte. Bis jetzt dachte ich, lieber konstant und geradeaus hoch, als kurvig. Kurven, die noch mehr Meilen produzieren. Ist die Reise lang und ungewiss, bedenkt man eine Extrameile zweimal. Der Name  «The Needles Highway» hätte mich vor Wochen noch abgeschreckt. Inzwischen bestechen auch mich Aussichten auf bergige Ausblicke. 

Diese Route ist eine Teilrunde des Peter Norbeck Scenic National Byway auf dem Weg zum Mount Rushmore. Ich hätte sie mir in Bezug Höhen- und Kilometer sparen können. Aber die vielen Markierungen auf meiner Karte der Parks Peaks and Prairies Bicycle Route versprachen einiges. Nur das Wetter war nicht vielversprechend, die Temperaturen auf der kühlen Seite. Schon am Vortag zog ich Handschuhe und alles an, was ich gegen Regen und Kälte hatte. Ein Klima, das gut für wenig Verkehr und «good for climbing» ist. Ein Pass war nicht zu erwarten. Hatte ich einen inFront, der fühlte es sich wie ein Bremsklotz an, der in meinem Kopf an falscher Stelle montiert.

High von high?

Wie es kommt, dass ich mich nach der Needles-Tour im Custer State Park (South Dakota) high fühlte? Vielleicht, weil die Formationen der Black Hills einmalig sind. Verständlich, dass sie als Inspiration, als Geburtsort für den Mount Rushmore dienten. Vielleicht, weil sich das Kraxeln an diesem Tag einfach easy anfühlte. Weil der Atem ständig kurz, aber regelmässig, das Gewicht im Gleichgewicht und das Glücksgefühl mit viel Schweiss von Dauer war. Vielleicht, weil die Strecke mit einigen Schweizer Passstrassen vergleichbar ist, die ich bis jetzt tunlichst nie gefahren bin. Oder, weil das Hirn die Distanzen zwischen den S-Kurven motivierter denken kann? Vielleicht war es der perfekte Tag, ohne grosse Planung, ohne grosse Bedenken – just tray it. Zurück Nach Hill City konnte ich jederzeit. Da gibt es eine historische Eisenbahn oder Touristenbusse, die einfacher und direkter zum Mount Rushmore fahren.

Smart independent

Aber an diesem an diesem Needles-Tag, nach drei Monaten Fahrradfahren, wurde auch ich von der Hiker-Bikerin zur Bikerin. Davor stand das Reisen im Vordergrund. Das Fahrrad als ideale Begleitung und Gepäckträgerin. Es ist schneller als ich zu Fuss und macht keine schlechte Luft, nur gute Laune. Weil ich immer draussen und in Bewegung sein und alle meine Sinne nähren kann. Es macht auf eine smarte Art unabhängig und befreit mich von unnötigen Dingen, von Ballast. 

Dass die Menschen in den USA das Fahrradfahren ohne Motor als«nice and fancy» oder «only for fitness» betrachten, entspricht wohl einer internationalen Mehrheit. Dass sie Fahrradreisende als derart ungewöhnlich ansehen, habe ich nicht erwartet. Und dass es mir so viele Herzen und Türen öffnet, ohne etwas tun oder sein zu müssen, überrascht mich immer wieder.

Bis nach Wall

Ob ich mich morgen auch noch als Bikerin fühlen werde? Wenn ich durch flaches Land, mit wenig Höhenmetern und heisseren Temperaturen radeln werde? Viele meinen, ich würde am Boden in den «Flyover States» verrückt werden. Nun ja, die Zeit selbst radelt schneller, als mir lieb ist. So bleiben nicht mehr viele Tage, dies auszuprobieren. Das nächste Ziel ist der Badlands-Nationalpark. Dann noch bis Wall auf meinen Rädern, wo es ein Bus gäbe. Vielleicht ist der Name dieser Stadt Programm. Bus und Bahn bis zur Ostküste warten so oder so da draussen auf uns. Auf mich und mein Tour de Suisse Velo «Fernweh»" alias «Wanderlust».